Foto: Sprengel Osnabrück

Zeit für Freiräume – Haupt- und Ehrenamtliche schreiben in Damme über ihre Beziehung zu Gott

„Sprache ist das wichtigste Instrument, das wir haben“

Ein Novembertag wie er im Buche steht: Nebel hängt über dem Gelände des ehemaligen Klosters Damme. Im Inneren des Tagungshotels dagegen erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt mit der Buchautorin Susanne Niemeyer ein warmer, heller Raum. Auf Tischen verteilt liegen Papier, Bleistifte und Anspitzer. Der Sprengel Osnabrück hat im Rahmen der Initiative „Zeit für Freiräume“ der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zu der Schreibwerkstatt eingeladen. Mehr als zwei Dutzend Haupt- und Ehrenamtliche sind dazu nach Damme gekommen. Landessuperintendentin Birgit Klostermeier war dabei.

„Manchmal sind wir wie ein altes Ehepaar“, „Gott wohnt im Apfelbaum in meinem Garten“, „Wir können gut zusammen träumen“ oder „Gott und ich sind einander noch nie begegnet“ – das sind nur einige der Sätze, die in verschiedenen Farben auf weißem Papier ausgeschnitten auf den Tischen vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Schreibwerkstatt liegen. Es ist die erste praktische Übung, die Susanne Niemeyer für die Frauen und Männer vorgesehen hat.

Sie nehmen aus ganz unterschiedlichen Gründen an der Schreibwerkstatt teil. „Ich möchte Freundschaft schließen zwischen mir und den Worten“, sagt eine Frau. Eine andere freut sich auf zwei Tage ganz für sich, an denen sie nicht am PC sitzt, um „Worte zu sortieren“, wie sie sagt, sondern um sie fließen zu lassen – ganz sinnlich, auf Papier. Henning Meyer ist einer der Ehrenamtlichen, der sich extra frei genommen hat und an diesem Tag dabei ist. Er ist Lektor und Kirchenvorsteher in der Kirchengemeinde Hoyerhagen. Dort arbeitet er auch am Gemeindebrief mit, und das sei manchmal gar nicht so einfach, sagt der 40-Jährige: „Bei vielen Themen geht das Schreiben wie von selbst, bei anderen hat man tagelang ein Brett vor dem Kopf. Das wäre schön, wenn ich da etwas kreativer werden könnte.“

Welche Worte habe ich, um über Gott zu sprechen? Welche Sprache finde ich für biblische Texte und  dafür, was sie für mich bedeuten? – diese Inhalte werden in den kommenden beiden Tagen Thema in der Schreibwerkstatt mit der Hamburger Autorin Susanne Niemeyer sein.

Zurück zu den Sätzen auf den Papierschnipseln: So sollen die Geschichten anfangen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den kommenden zehn Minuten schreiben werden. Es wird still in dem Raum mit dem Blick auf den herbstlichen Laubwald draußen. Papier raschelt, Bleistifte fahren über das Papier. Die Köpfe sind gesenkt, auch der von Gabriele Brune.

Gott wohnt im Apfelbaum in meinem Garten. Mein Apfelbaum ist alt, seine Früchte sind säuerlich und saftig, so wie ich es mag. Aber der Baum wurde zu groß, seine Zweige reichten über das Nachbargrundstück und der Nachbar hatte Angst, die herabfallenden Äpfel könnten sein Auto beschädigen. Also musste der Baum kräftig beschnitten werden. Die Männer, die das machten, waren nicht sehr zartfühlend. Ich musste mich abwenden und ließ den Baum allein. So beginnt die Erzählung, die Gabriele Brune innerhalb von zehn Minuten auf das Papier bringt. Es ist eine sehr bildliche Geschichte, die viele Assoziationen auslöst – da sind sich die anderen Mitglieder der fünfköpfigen Kleingruppe einig, in der die Texte nach Ablauf der zehn Minuten gelesen und besprochen werden.

Elisabeth Saathoff hat als Anfangssatz für ihre Geschichte ausgewählt „Gott ist mein Vermieter“. So geht ihre Erzählung weiter: Er gibt mir ein Zuhause in der Welt, ein Zuhause auf Zeit. Ich bin eingezogen, einmal ziehe ich wieder aus. Gott ist mein Vermieter. Gut so, denn ich kann mich bei ihm beschweren, wenn der Wasserhahn tropft. Er hört sich alles an – ruhig und gelassen. Bis ich fertig bin. Manchmal meldet er sich dann nicht. Ich merke: ich muss mich wohl selbst um den tropfenden Wasserhahn kümmern. Das ist ok, das krieg ich hin. Manchmal meldet er sich auf meine Beschwerde und sagt: Lass mich mal machen, das wird schon wieder.

Henning Meyer hat sich den Schnipsel „Gott und ich sind wie Geschwister“ gegriffen, Michaela Jannasch entwickelt aus  „Manchmal trinken wir Kaffee zusammen“ ihre kleine Erzählung. Es ist erstaunlich, welche Ideen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schreibwerkstatt in kürzester Zeit zutage bringen. „Was zählt, ist die gute Idee – dann kann es manchmal auch ganz schnell gehen“, ist sich Elisabeth Saathoff sicher. Und in diesem Gefühl werden die Frauen und Männer von Susanne Neumeyer bestärkt.

Die Autorin hat eine weitere Übung vorbereitet: die Gruppe wird einen kollektiven Text entwickeln. Jeder schreibt auf, woran er sich bei den Themen Gott, Kirche, Glaube und Christsein erinnert, dann liest jeder Teilnehmer reihum einen Satz vor. Drei Runden wird es geben. „Ich erinnere mich… an die Jugendfreizeit auf Spiekeroog, bei der der alkoholische `Schokotraum´ kreiste – wir waren gerade fünfzehn.“ „Ich erinnere mich… daran, wie mein Bruder und ich am Heiligabend als Engel verkleidet die Treppe in unserem Haus herunterkamen. Das war so besonders.“ „Ich erinnere mich… an das schreckliche Wandbild in dem Raum, in dem unser Konfirmandenunterricht stattfand. Ich hatte Angst davor.“ „Ich erinnere mich… daran, dass ich mich zwischen der `Sendung mit der Maus´ und dem Kindergottesdienst entscheiden musste.“ „Ich erinnere mich… dass mein Sohn mich in der Kirche fragte: `Mama, warum haben sie den da oben eigentlich erschossen?´“ – teilweise sind die Sätze sehr lustig, teilweise sehr ernst, tröstlich, oder auch mit schlechten Erinnerungen besetzt. Auf jeden Fall sind sie so vielfältig wie die Charaktere und Motive ihrer Autorinnen und Autoren.

„Sprache ist das wichtigste Instrument, das wir haben“, sagt Pastorin Elisabeth Saathoff, und die Mitglieder ihrer Kleingruppe – darunter der Gemeindebrief-Autor Hennig Meyer – pflichten ihr bei. Dabei flott auf den Punkt zu kommen, sei wichtig, so Saathoff.

„Unseren Glauben so ausdrücken, überraschend und mitfühlend, dabei die täglichen Dinge des Alltags wahrnehmen, das ist eine sehr kreative Form, dem Frieden nachzujagen“, sagt Landessuperintendentin Klostermeier und bezieht sich dabei auf die Jahreslosung „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ „Wir geben Gott eine Chance, sich in und unter die Worte zu mischen, wenn wir uns erlauben, auch mal anders zu denken und anders vom Leben zu erzählen. In diesen überraschenden Ideen entstehen Zwischenräume, durch die das Licht neu hineinfallen kann.“ An diesem Novembertag reißen auch in der Pause die Gespräche und Worte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht ab. Worte verbinden eben.